SIMON REINHARD, World Memory Champion (ML) im INTERVIEW mit Alexander Kranz-Mars 

ZAPPENDUSTER Herr Reinhard, als Gedächtnisweltmeister (World Memory Champion ML)  sind Sie viel unterwegs. Danke, dass Sie die Zeit gefunden haben Zappenduster zu testen. Memory als Kinderspiel ist thematisch ja nah am Gedächtnissport. Kurzer Einstieg vorab mit ein paar privaten Fragen.

Welche Musik hören Sie zur Zeit?
Simon Reinhard: Gerne etwas entspannter, Klavier, klassisch natürlich, aber auch zeitgenössisch: Sehr gefällt mir zum Beispiel Ludovido Einaudi, aber auch die Werke einiger zeitgenössischer deutscher Klavierkomponisten wie Martin Kohlstedt finde ich faszinierend.

Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
Gegenwärtig bin ich den Büchern der Zamonien-Reihe von Walter Mörs verfallen. Phantastischer Ideenreichtum, sprachlich auf sehr hohem Niveau, ein echter Geheimtipp und außergewöhnlich.

Haben Sie eine Lieblingsapp? Welche benutzen Sie am häufigsten?
Die üblichen Verdächtigen für Kommunikation und Musik. Manchmal auch Schach, was aber am PC besser geht.

Trainieren Sie täglich? Wieviel trainieren Sie am Tag?
Nicht täglich, nein. Im Schnitt vielleicht 15-30 Minuten, aber ich lege auch Pausen ein, um die Batterien wieder aufzuladen. Das ist in den letzten Tagen vor einem Wettkampf besonders wichtig.

Gibt es eine App für Gedächtnistraining?
Da gibt es einige mit den verschiedensten Funktionen. Selbst habe ich noch keine derartige App entwickelt, fände das aber sehr interessant.

Das Thema künstliche Intelligenz, also AI oder Artificial Intelligence, ist ja immer mehr in aller Munde. Gerade bei Merkfähigkeit sind Menschen nicht mit Maschinen vergleichbar. Ist das für Sie ein Ansporn? Ist AI ein Thema im Kreis der Gedächtnissportler? Sind Wettkämpfe gegen Maschinen ein Thema? Oder im Gegenteil: könnten Sie Maschinen Lerntechniken beibringen, zum Beispiel Deep Learning?  
Das Thema künstliche Intelligenz ist ja ein weites Feld. Von der anfänglichen Euphorie der 60er und 70er Jahre, wo man noch dachte, man ist schon ganz nahe am erfolgreichen Turingtest, ist erstmal wenig geblieben. Das liegt aber aus meiner Sicht daran, dass man sich in der KI-Forschung zu sehr auf das Thema „künstliches Bewusstsein“ / „self-awareness“ festgelegt hat, obwohl dieses Thema gegenwärtig (und damals erst recht) noch nicht zu lösen ist. Viel besser erscheinen mir die modernen Ansätze zum Beispiel von Google, sich stark auf einzelne Aufgaben zu konzentrieren, wobei viele mit Mustererkennung im weiteren Sinn zu tun haben (facial recognition; Schach, Go: AlphaGo, AlphaZero; insgesamt das eigenständige Erlernen von Regelwerken ohne Anleitung). Gerade bei diesem engeren Ansatz finde ich auch das Potential einer KI auf Basis des Quantencomputers (an dem eifrig geforscht wird) sehr spannend, da ein solcher Computer sich gerade beim Finden von Mustern und Gemeinsamkeiten innerhalb größerer Datensätze sehr auszeichnen soll.

Könnten Sie auch Maschinen Lerntechniken beibringen?
Dazu weiß ich zu wenig über die Details der gegenwärtigen Selbstlern-Strategien bei Maschinen. Prinzipiell dürfte das nicht einfach sein, weil sich menschliches Denken und Maschinen“denken“ einfach zu sehr unterscheiden und sich viele der Merktechniken, die ich verwende, sehr an den Stärken des menschlichen Gehirns orientieren, zum Beispiel die Ort- oder Locimethode.

Als Gedächtnisweltmeister bieten Sie Seminare für Beruf und Alltag an. Bieten Sie auch Seminare für Kinder an? Beim Spiel Memory® sagt man ja gerne, dass die Kinder die Erwachsenen besiegen. Trifft dies auch auf den Gedächtnissport zu?
Meine Seminare richten sich zwar schwerpunktmäßig an Firmen und sollen im Rahmen von Mitarbeiterschulungen der Belegschaft die Effizienz von Gedächtnistechniken im beruflichen Alltag lehren, ein Unterricht für Schüler und Studenten kommt aber auch in Frage. Rückblickend hätte ich gerade in der Schule sehr gerne schon etwas von diesen Techniken gewusst, das hätte einem so manchen sinnlos verlernten Nachmittag erspart.

Zum Sport: Tendenziell kann man sagen, dass die Junioren bessere Ergebnisse als die Kinder haben und die Erwachsenen bessere Ergebnisse als die Junioren. In den Top Ten der Welt findet sich gegenwärtig eine Juniorin, der Rest sind Erwachsene.

Was empfehlen Sie, um seine Kinder bei einer positiven Gedächtnisentwicklung zu unterstützen? Wie können Kinder lernen zu lernen?
Es geht darum, dass man einen Weg findet, wie man Spaß am Lernen haben kann. Dann fällt alles leichter. Das kann zum Beispiel passieren, indem man die Kinder für den Lernstoff interessiert und ihnen Hintergrundwissen vermittelt. Es kann aber auch ergänzend durch die Vermittlung von Gedächtnistechniken passieren, da Lernen natürlich wesentlich mehr Spaß macht, wenn es einfacher geht und man wesentlich weniger vergisst: Das spart Energie und Zeit und erspart so manche Frustration.

Spielen Sie Schach? Hilft Ihnen Gedächtnistraining beim Schach besser zu werden?
Ja, ich spiele ziemlich leidenschaftlich Schach. In den letzten Jahren nur online, kurze Partien. Gegenwärtig suche ich einen Club, um auch einmal längere Partien spielen zu können, und denke, dass ich fündig geworden bin.

Zum Einprägen von Schacheröffnungen habe ich in letzter Zeit auf der Basis meiner Erfahrung in den Gedächtnismeisterschaften eine sehr effektive Methode entwickelt, um sich schnell und zuverlässig Schacheröffnungen einzuprägen, was ja oft der zäheste Aspekt am Schach ist. Und es funktioniert genauso gut wie erwartet. Letztlich war der Transfer recht naheliegend, denn in den Gedächtniswettkämpfen merken wir uns auch sehr abstrakte Informationen, die wir verbildern und uns merken. Sehr ähnlich lief es beim Schach, obwohl der Teufel im Detail steckte und sich erst nach einiger Zeit der beste Ansatz aus der Schar der vielen möglichen und plausiblen herauskristallisierte.

Gibt es Spiele, die Sie für ein Gedächtnistraining empfehlen würden?
Zappenduster ist hier sicher geeignet, da es auch sehr die kreativen Aspekte anspricht. Das gilt auch für eine Reihe anderer Spiele. Es geht immer um die Förderung der geistigen Flexibilität und Beweglichkeit. Zum Beispiel Qwixx (wie Kniffel hoch 2). Dixit ist super, Dobble lustig. Trivial Pursuit. Tabu. Mit den richtigen Leuten superspannend: EXIT – Das Spiel (ein Escape Room als Brettspiel). Und früher als Kind immer gern Mau-Mau.

Welches Gesellschaftsspiel spielen Sie am liebsten?
Schach liegt schon sehr weit vorne, aber es gibt auch einige tolle klassische und zeitgenössische Brettspiele, die ich gerne einmal ausprobieren würde.

Sind Gedächtnissportler gute Strategen?
Schwer zu sagen. Die Antwort muss ich erstmal genau abwägen … Nein, im Ernst: Vielleicht einige. Der Wettkampf hat auch strategische Aspekte, weil man in jeder Kategorie abwägen muss, auf wieviel Risiko man geht. Mehr Risiko, potentiell mehr Punkte.

Welche berühmte Persönlichkeit bewundern Sie? Haben Sie Vorbilder?
Ich finde das Leben und Werk von Thomas Paine sehr beeindruckend.

Wieviel Zeit verbringen Sie pro Jahr auf Wettbewerben, wieviele Wettbewerbe machen Sie?
Das schwankt, aber im Schnitt sind es zwischen 5 und 10. Davon auch viele in Asien. Man sieht eigentlich die ganze Welt und lernt die verschiedensten Personen kennen. Das ist das Tolle an unserem Sport.

Warum denken Sie, sind die Asiaten begeisterte Gedächtnissportler?
Der Gedächtnissport erlebt in ganz Asien sicher im Augenblick einen großen Boom. Turniere mit hunderten Teilnehmern sind keine Seltenheit. Auch das mediale Interesse ist riesig. Was die Gründe dafür sind: Natürlich als Außenstehender nicht einfach zu sagen. Bei meinen in letzter Zeit recht häufigen Reisen nach China habe ich aber von vielen meiner dortigen Bekannten bestätigt bekommen, dass das Lernen an sich und der schulische und universitäre Erfolg in China einen extrem hohen Stellenwert einnehmen. Das, kombiniert mit der immer noch starken konfuzianischen Prägung der Kultur, erklärt vielleicht das Interesse auch an Methoden, die zum Lernerfolg beitragen.

Sie sprechen viele Sprachen: Hilft Ihnen Gedächtnissport dabei Sprachen zu lernen, also nutzen Sie Techniken um Sprachen zu erlernen?
Es ist ja immer so eine Sache mit den Sprachen. Man lernt hier ein paar Fetzen und dort. Sehr gut kann ich, denke ich, Englisch und kann mich wohl einigermaßen passabel auf Italienisch und Spanisch verständigen, was hauptsächlich daran liegt, dass ich ab der 5. Klasse in der Schule Latein gelernt habe: Eine wundervolle Sprache. Ich verstehe etwas Persisch, weil mein bester Freund aus dem Iran kommt und ich oft bei seiner Familie zu Gast war. Ich habe mich auch einmal an Russisch versucht, um besser verstehen zu können, was meine damalige Freundin so am Telefon erzählt hat. 🙂

Und gegenwärtig lerne ich Chinesisch, weil China einfach ein sehr spannender Markt für das Gedächtnistraining ist und es sich sehr auszahlt, die Sprache zu können. Dabei setze ich intensiv meine eigenen Techniken ein, was sehr gut funktioniert. Das Lesen der Schrift klappt schon ganz gut. Eine Stufe schwieriger ist das Sprechen, weil es für das westliche Ohr und die westliche Zunge doch recht schwer ist, die vier verschiedenen Töne perfekt zu treffen. Aber ich gebe nicht auf. Und das Verstehen ist immer noch das schwerste, weil es hier oft auch nicht hilft, wenn man das Wort kennt, wenn die Geschwindigkeit zu hoch ist. Das muss man einfach üben und möglichst viel mit Chinesen kommunizieren.

Simon Reinhard, vielen Dank für das Interview. Es hat mich gefreut Sie auf der Spiel’18 in Essen am 27.10.2018 an unserem Stand begrüssen zu dürfen. Es war spannend zu sehen wie Sie sich in sechs Partien gegen Herausforderer bei einer Spielvariante von Zappenduster durchsetzen konnten. 

Simon Reinhard, geboren 1979, ist mehrfacher Gedächtnisweltmeister (World Memory Champion ML), Weltrekord- und Guinness-Weltrekordhalter. Im Gedächtnissport gewinnt, wer sich innerhalb begrenzter Zeit am meisten Zahlen, Namen, Wörter etc. merken kann. Hier hat er mehr Turniere als jeder andere gewonnen.

Im Interview habe ich mich mit ihm über die Themen Lernen für Schule und Beruf, Künstliche Intelligenz und seine privaten Interessen gesprochen.

Guinness Weltrekord Show 2014

Simon Reinhard, geboren 1979, ist mehrfacher Gedächtnisweltmeister (ML), Weltrekord- und Guinness-Weltrekordhalter. Im Gedächtnissport gewinnt, wer sich innerhalb begrenzter Zeit am meisten Zahlen, Namen, Wörter etc. merken kann. Hier hat er mehr Turniere als jeder andere gewonnen.

Im Interview habe ich mich mit ihm über die Themen Lernen für Schule und Beruf, Künstliche Intelligenz und seine privaten Interessen gesprochen.